Neu

Es gibt nur ein Vockfey!

Transkription eines Interviews mit einer Zeitzeugin

Figurenspielerin Julia Raab (links) mit Helga S., ehemalige Zwangsausgesiedelte

Im Rahmen meines Stipendiums HEIMATSEHNEN vom Fonds Darstellende Künste e.V. habe ich u.a. ein Interview mit einer Zeitzeugin in Vockfey geführt. Das Interview habe ich nun transkripiert.

Die alte Heimat unvergessen, die neue Heimat neu geliebt!

Friedrich P., zwischen 1956 und 1960


Im Rahmen meines Arbeitsstipendiums „HEIMATSEHNEN – Zwangsaussiedlung in der DDR – Eine Recherche“ vom Fonds Darstellende Künste e.V., dem Netzwerk Freier Theater und meinem Partnertheater, dem WUK Theater Quartier war ich ein paar Tage an der Elbe – genauer gesagt ich war in Vockfey (Niedersachsen).

Vockfey ist ein Dorf, das im ehemaligen DDR-Sperrgebiet, direkt an der Elbe liegt. Dort habe ich im April Familie Friedrich besucht. Frau Friedrich ist eine Nachkommin ehemaliger Zwangsausgesiedelter.

Ich hatte das große Glück mit ihrer 86-jährigen Mutter Helga zu sprechen.

Figurenspielerin Julia Raab (links) mit Helga S., ehemalige Zwangsausgesiedelte

Transkription

Jetzt habe ich gerade sechs Tage lang das 1,5 Stunden lange Interview transkripiert. Puh! Das habe ich unterschätzt.

Aber das Gespräch mit Helga im April diesen Jahres hat mich unheimlich berührt. Auch jetzt wieder beim hören.

Ich danke ihr für ihre Offenheit und ihr Vertrauen.

Es folgt ein Einblick in ihre Geschichte:

Es war ein Sonnabend…

Helga war 12 Jahre alt, als ihre Familie am 7. Juni 1952 im Rahmen der „Aktion: Ungeziefer“ zwangsaugesiedelt wurde.
Es war ein Sonnabend, Helga ging in die Schule. Plötzlich kam ein Auto, die Lehrerin musste raus. Als sie wieder rein kam, sagte sie „So, ihr packt zusammen. Ihr könnt nach Hause gehen.“.

„[…]Und wie wir denn nach Hause kamen. Mutter saß in der Küche beim Kartoffel schälen […] und dann auf einmal ging die Tür auf, kamen zwei Uniformierte und denn noch zwei, drei dabei und denn hat er uns die Namen alle vorgelesen, ja, ich stand nicht mit drauf, na das wurd ja dann nachgeschrieben.
Und dann. Ja, und dann die Ausweise. Und dann, ja innerhalb 24 Stunden, 48 Stunden haben wir das Dorf zu verlassen.
Wie? Was? Da wären sie nicht für zuständig. […]“

Am Sonntag morgen waren die Gummiräder ihres Wagens, der voll Getreide auf dem Hof stand, aufgeschnitten, damit sie nicht abhauen konnten.

Das ganze Dorf haben Soldaten und Stasi-Beamte bewacht.

„[…] Na ja und dann ging das ja los.
Wenn die Verwandtschaft nicht gewesen wäre, die Eltern hätten‘s nicht gebracht. Denn Decken zusammengenäht, und da die Betten rein… es wusste keiner, was nimmst Du mit. Was? […]“

Warum? Wohin?

Zwei Tage war die Familie mit Treckern und Hängern, Zug und wieder Treckern und Hängern unterwegs. Ein Teil der Familie sogar ein ganzes Stück mit Fahrrädern. Ohne zu wissen wohin. Ohne zu wissen, warum sie ihre Heimat verlassen mussten.

Angenehm empfangen wurden sie dort, ca. 200 km fern der Heimat, leider auch nicht.

„[…] Dann kam der Landrat mit seinem Gefolge: ‚Ja, er ist wohl verpflichtet Menschen unterzubringen, aber kein Mobiliar!‘
Naja. […]“

…immer wieder angefangen…

Zuerst waren sie in Basse, dann 4 Jahre in Friedrichshof und dann auf dem Weinberg in Gutow bei Güstrow.

Neun Jahre nach der Zwangsaussiedlung an der Elbe, nachdem die Familie sich 1956 in Gutow wieder ein Gut aufgebaut hat, kam die LPG – 1961.

Für die Familie von der Elbe hieß das wieder Enteignung.

„[…] Dann ham sie Vater ins Gemeindebüro geholt und wie er wieder kam, war er ein alter Mann.
Hat immer gesagt: „Unterschreib‘ nicht!“, aber was sollt man machen. […] Das war dann auch ne schlimme Zeit, wie dann alles vom Hof ging, die Pferde, Kühe… jaja… […]“

Was bleibt?

Ja, was bleibt von der Heimat? Die Erinnerung, die bleibt.

„[…] ja es war schon schön, so wie das alles so war. Dieser riesengroße Obstgarten, die Bäume, […]“

Lebendige Erinnerungskultur

Doch auch nur diejenigen, die ihre Erinnerung teilen, geben die Möglichkeit des Erinnerns frei. Ich bin dankbar für die erzählten Geschichten über das Land, das es heute nicht mehr gibt.

Und ich möchte immer wieder gern meine Kunst nutzen, um eine lebendige Erinnerungskultur, auch über das „aus dem Leben gehen“ der Zeitzeug*innen hinaus, zu schaffen und zu erhalten.

Es gibt nur ein Vockfey!

„[…] Ja, sie wollten so, das alle 60 km, das wir nicht wieder zusammenkommen, ne. Das unser Dorf eben zerrissen wurde, ne… ja.“

Der DDR-Staat hat sein Ziel nicht ganz erreicht. Jedenfalls nicht in Vockfey!

Die Zwangsausgesiedelten haben sich über die Jahre wiedergefunden und auch wieder getroffen. Das erste Treffen fand 1990 auf einem der neun, von insgesamt 38 Gebäuden, noch vorhanden Höfe in Vockfey statt.

Und den Zusammenhalt der alten Vockfeyer, „ne ganz besondere Verbundenheit zwischen den Leuten“, den spürt man auch als Aussenstehender, so die Aussage des Saarländers, der nun seit 2001 in Vockfey, auf dem Grund und Boden von Helgas Familie lebt.


Es gibt nur ein Vockfey!

Die alten Vockfeyer

Figurenspielerin & Theaterpädagogin

Julia Raab

In Halle (Saale) bin ich seit 2013 zu Hause.

Im Atelier fiese8 arbeite ich an neuen Figurentheater-Produktionen, Lesungen, Figuren & Objekten.

Mit meinen Produktionen bin ich im In- und Ausland unterwegs auf Festivals und auf Gastspielreise.

Sag Hallo

Zugehöriger Inhalt

Alles Neu. Alles beta.

Diese website kann vieles besser als meine Alte, aber hier & da hakt es noch ein wenig.

Bitte seht euch um und mir die kleinen Fehler nach.

Über feedback freue ich mich natürlich!

Werfen sie etwas in meinen Corona-Hut

Bitte!

Spenden Sie in den Hut!

Die Corona Pandemie war und ist existenzbedrohend für meine & viele andere Künste.

Bitte werfen Sie etwas in meinen digitalen Hut um über die zahlreichen abgesagten Veranstaltungen, einer hungrigen Familie und Verbindlichkeiten ggü. Kolleginnen und Kollegen solidarisch entgegenzustehen.

#kulturtrotzcorona, #kulturtrotztcorona

Meinungen

Ich fand es gut,
dass wir Aufwärmübungen
gemacht haben.